Gemma in Unbesorgt

 

Morgen bei Maischberger: natürlicher Antisemitismus in Gaza?

Von roger - 20. Juni 2017

Mit freundliche Genehmigung von:

Ob es in den Redaktionen wohl Telefonlisten mit Experten gibt, die man im journalistischen Notfall durchgehen kann, wenn ein O-Ton zu Spezialgebieten gefordert ist? Gibt es Erdbeben-Experten, Lebensmittelskandal-Experten, Oktoberfest-Experten? Sicher, aber die Listen dazu sind wohl recht kurz. Noch kürzer dürfte nur die Liste der Dokumentarfilmexperten sein, die man durchgehen könnte, um eine Erklärung für „handwerkliche Mängel“ in einer zurückgehaltenen Doku über Antisemitismus zu erhalten. Deshalb schaut man lieber gleich in der längsten Liste der Redaktion des Deutschlandfunks nach – in der für Nahostexperten. Als solche stand Gemma Pörzgen dem Sender am 15.6.2017 für ein Interview zur Verfügung. Zwar hat Frau Pörzgen zum letzten Mal vor 11 Jahren aus Israel und den Autonomiegebieten berichtet – und das auch nur knapp zwei Jahre lang. Außerdem gilt sie eigentlich als Expertin für den Osten, also für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Egal, Osten…Naher Osten…was macht das schon für einen Unterschied! Frau Pörzgen wurde als Expertin vorgestellt, das muss reichen. Was ist ihr denn nun aufgefallen, als sie den Film „Auserwählt und Ausgegrenzt“ gesehen hat?

 

„Ich habe mir natürlich auch neugierig diesen Film angeguckt nach der ganzen Debatte und war dann doch sehr erschreckt, dass er noch viel schlechter ist, als ich es ursprünglich gedacht hatte. Er hat einfach eine sehr klare propagandistische Linie und zeigt aus meiner Sicht eben diese ganze Thematik sehr einseitig, indem er sehr gezielt bestimmte Gesprächspartner auswählt, andere weglässt und eben eine ganz klare Zielrichtung hat.“

 

Was bedeutet wohl die Phrase „viel schlechter als gedacht“, wenn sie aus dem Munde einer „unabhängigen Journalistin“ und „Nahostexpertin“ kommt? Und was bedeutet es ihrer Meinung nach, wenn „diese ganze Thematik einseitig ist“? Es stimmt schon, Arte wollte die „Ursachen des Antisemitismus“ erforschen, weil man offenbar davon ausging, dass es da etwas gibt, das der Jude macht, weshalb man ihn nicht so doll mag. Ursache halt. Und doch kommen die Autoren zur „steilen These“, dass am Antisemitismus letztlich nur die Antisemiten schuld sind und wie bei der Suche nach den Quellen des Nils gingen die Autoren gegen die Strömung zurück zum Ursprung. Was wir heute an antisemitischen Ausschreitungen in Europa – speziell in Frankreich und Deutschland – erleben, die Morde, die Überfälle auf Synagogen, Prügel und Beleidigungen…nutzen als Projektionsfläche den Konflikt zwischen Israel und palästinensischen Arabern und tarnen sich nur zu gern als Antizionismus. Man gelangt also zwangsläufig nach Gaza. Und nach Berlin, wo am 23.Juni 2017 übrigens der jährliche „alQuds-Tag“ (Jerusalem-Tag) stattfinden wird, auf dem Jahr für Jahr die „Befreiung Palästinas von den Besatzern“ gefordert wird – und da machen die keine halben Sachen, ganz Palästina inclusive Israel ist gemeint. In diesem Jahr steht die Veranstaltung übrigens unter dem Motto „Gegen Antisemitismus und Zionismus“, was angesichts der Vorliebe vieler Demonstranten für Flaggen und Sprüche von antiisraelischen Terrororganisationen nichts anderes als ein perfider Scherz sein kann.

 

Wenn man mit Kollegen spricht, die vor Ort ein bisschen mitbekommen haben, wie diese Dreharbeiten gelaufen sind, bestätigt sich dieser Eindruck.“

 

Frau Pörzgen hat also Kollegen vor Ort, die „ein bisschen mitbekommen haben von den Dreharbeiten“ und das bestätigt uns jetzt was? Dass der Kameramann sein Hummus mit den Fingern aß? Die Kunst, wie man aus Andeutungen und Verdacht Gerüchte zimmert? Durch Hörensagen nämlich und durch Leute, deren Aussagen und Einschätzungen den Film wie in den Augen von Frau Pörzgen schon vor dessen Kenntnis in schlechtem Licht sehen wollten.

 

„Und stattdessen sind sie eben mitten hinein in den Nahostkonflikt gefahren, irgendwie auch noch nach Gaza, wo natürlich der Hass hochkocht und wo man natürlich sich sehr leichttut als Journalist, Antisemitismus zu finden, weil er ist natürlich da, er ist Teil sozusagen auch des palästinensischen Narrativs in diesem sehr aufgeheizten Konflikt.“

 

Wir lernen also, dass Antisemitismus in Gaza eine natürliche Ressource sei. Doch wenn es so leicht ist, den zu finden, warum berichtete Frau Pörzgen dann nie darüber, als sie noch vor Ort war? Zum Teil des „palästinensischen Narrativs“ wird er aber erst in den Reden der Politiker der Hamas. Oder in der Rede von Abu Masen vorm EU-Parlament. Die Narrative stimmten – und stimmten leider auch schauerlich überein mit denen des im Parallelschnitt gezeigten Julius Streicher, der auch von einer friedvollen Welt schwadronierte, wenn erst das Problem mit den Juden gelöst sei. Diese Szene stieß besonders denjenigen sauer auf, die lieber nicht so genau hinsehen möchten, wenn es um die erklärten Ziele von Hamas und Fatah geht und es für „irgendwie logisch“ halten, wenn Palästinenser es keinem Juden erlauben, in ihren Gebieten zu leben und zu arbeiten. Warum gibt es zwar Millionen arabische Israelis, jedoch keinen einzigen jüdischen Palästinenser?

 

„Aber wenn man auf der israelischen Seite gefragt hätte, hätte man auch dort sehr viel Hass gegen Palästinenser geerntet.“

 

Das war zwar nicht die Frage, die der Film beantworten sollte, und klingt doch sehr verdächtig nach dem Versuch, Antisemitismus zu rechtfertigen. Man kann sowas ja einfach mal behaupten, da es sowohl richtig als auch falsch ist. Doch das dumme am Relativismus ist, dass er nur in der isolierten Betrachtung funktioniert. Verschiebt man die Perspektive, rutscht man ins Absurde: Denn sicher hätten sich 1938 auch Juden finden lassen, die ihrem Hass auf die Faschisten gern Ausdruck verliehen hätten. Sagt das etwas über die Rechtfertigung oder gar Begründung der Aktivitäten der Nazis aus? Wohl kaum! Ist das vielleicht Pörzgens Vorstellung von „Ausgewogenheit“? Hätte der Film so eine Art runder Tisch zwischen Schulhofschlägern und ihren Opfern werden sollen, weil ja beide den Schulfrieden stören – der eine durch sein Betragen, der andere durch seine Schreie? Aber auf solch alberne Ideen kommen Journalisten nur, wenn es um Israel geht. Eine kleine Mathe-Textaufgabe würde ihr vielleicht helfen, die „Narrative“ geradezurücken: Wieviele Juden leben in Ramallah und Gaza, wieviele Araber leben in Jerusalem und Haifa?

 

„Man hat natürlich Luxushotels [in Gaza], es gibt Sushi-Bars, aber es gibt eben auch sehr viel Elend.“

 

Richtig, und in diesem Film kommt im Gegensatz zu anderen Berichten beides vor. Von Luxushotels und Sushi-Bars hört der deutsche Fernsehzuschauer von Arte und WDR allerdings zu ersten mal, auch Frau Pörzgens hielt es in ihrer Zeit als „Nahostexpertin“ nie für nötig, ein ganzes Bild von der Lage dort zu zeichnen. Zwischen all den „Freiluftgefängnis“, „menschenunwürdige Zustände“ und „eingepfercht“ wäre mir so ein Luxushotel schon mal aufgefallen, denke ich. Passte wohl nicht ins „Narrativ“. Und dann kommt so ein Film daher und zeigt, dass all diese gut bezahlten Journalistendarsteller jahrelang nur eine sehr einseitige Sicht der Dinge verbreitet haben. Wo sind denn die „kritischen Artikel“ aus dem Gazastreifen, in denen es um Finanzen (oder „natürliche Korruption“) geht? Wann stand zuletzt ein ARD-Reporter vor einem der Luxushotels in Gaza und warum benutzen die einen Reporter Hamas-Tunnel, während andere durch Türen gehen?

 

Pörzgen wirft sich zudem pauschal schützend vor die „gute Arbeit“ der NGO’s in Israel oder Gaza. Und sicher, gibt es diese gute Arbeit auch. Zum Beispiel bewahren „gute NGO’s“ die Palästinenser davor, mit den „bösen Zionisten“ Geschäfte zu machen und falls dies doch einmal geschehen sollte, kann es seitens der Hamas für den betreffenden Palästinenser tödliche Konsequenzen haben. Aber es gibt eben auch noch Andere und sowohl Hamas als auch Fatah haben großes Talent dafür, Gelder aus dem NGO-System abzuzweigen. So erst letztes Jahr im Fall von WorldVision aufgedeckt, einem nicht gerade kleinen Anbieter in dem Bereich des guten Gewissens. Doch niemand kümmert das, weil es niemand kontrolliert und niemand so genau wissen will, was mit all dem Schutzgeld passiert, dass EU, Deutschland und große NGO’s und Stiftungen überweisen. Und sollten doch einmal bohrende Fragen kommen, werden sie am Ende einfach lächelnd ignoriert, wie uns im Film der UNRWA-Mitarbeiter in Gaza exemplarisch vorführte.

 

Morgen wird Frau Pörzgen also bei Maischberger sitzen und mitdiskutieren über einen Film, den sie schon verurteile, bevor sie ihn gesehen hatte. Vielleicht sollte sie sich stattdessen als „Nahostexpertin“ Geld von Arte zu holen und einen „ausgewogenen“ Film über „Natürliche Korruption und Antisemitismus als Narrativ der Hamas in Gaza“ machen. Oder über Sushi-Bars. Sie könnte Jürgen Todenhöfer mitnehmen, damit sie einen dramatischen Auftritt als Maulwurf hinlegen kann und sie einen Filmpartner hat, dessen „Narrativ“ sie offenkundig teilt.

 

Anmerkung: Wer Lust hat, die Behauptungen der „Nahostexpertin“ Punkt für Punkt widerlegt zu sehen, der lese diesen offenen Brief an den Deutschlandfunk, auf den der Verfasser leider nie eine Antwort erhielt.